Der Elektrobolide VENTURA in voller Fahrt: Das Bern Racing Team tritt an den Formula-Student-Rennen gegen Hochschulen aus der ganzen Welt an.
Jedes Jahr baut das Bern Racing Team der Berner Fachhochschule (BFH) innerhalb von neun Monaten ein Elektrofahrzeug mit Spitzentechnologie, um damit an der Rennserie «Formula Student» teilzunehmen. Für die Saison 2026 entschied das Team, Bewährtes über Bord zu werfen und Innovationen zu wagen. Die Expertise von Blaser Swisslube machte eine hochpräzise Fertigung der Radaufhängung möglich.
Ein innovatives Fahrzeug mitentwickeln und in einem professionellen Rennstall mitwirken? Das ist der Traum vieler junger Autofans und angehender Fahrzeugtechnikerinnen und -techniker. Die Mitglieder des Bern Racing Team leben diesen Traum. Als Automobiltechnik- Studierende der BFH entwickeln sie jedes Jahr einen elektrischen Rennwagen. In neun kurzen Monaten entsteht ein Fahrzeug mit modernster Technik. Das Ziel: Erfolge an den Formula-Student-Rennen im Wettstreit mit anderen Hochschulen aus der ganzen Welt.
Den Grundstein für das heutige Bern Racing Team legten zwei Studierende im Jahr 2014. Nach ihrem Austauschjahr in Deutschland kehrten sie mit der Vision eines Formula- Student-Teams zurück. Auch am Departement Technik und Informatik der BFH (BFH-TI) sollten Studierende sich von A bis Z
an der Planung und Umsetzung eines Rennwagens beteiligen können – wie in einem echten Rennstall. Nach einer Umstrukturierung und dank der Unterstützung von Industriepartnern und Sponsoren, der BFH-TI und zahlreichen Alumni führte die neue professionalisierte Organisation bereits 2023 zum Erfolg: Mit dem Fahrzeug NEBULA erreichte das Bern Racing Team erstmals die Top 50 der Formula- Student-Weltrangliste und belegte Platz 49 unter den weltweit 448 gelisteten Teams.
Professionelles Team mit viel Herzblut
Der Studiengang Automobil- und Fahrzeugtechnik ist aktuell das einzige Vollzeitstudium an der BFH-TI und setzt eine hohe Präsenzzeit voraus. Und doch sind es gerade diese Studierenden, die für das Engagement im Bern Racing Team prädestiniert sind.
Im ersten Jahr dürfen sie zuerst einmal Rennstallluft schnuppern. Ihnen werden Teilaufgaben mit weniger Verantwortung zugeteilt. Die Teammitglieder im zweiten oder dritten Studienjahr investieren dann zwischen 1000 und 2000 Arbeitsstunden pro Jahr für Konzeption, Messung, Entwicklung, Herstellung und Projektleitung. Nur so ist das Fahrzeug in neun Monaten bereit für die Rennbahn.
Dieses Pensum entspricht einem Vollzeitjob neben dem Studium. Dazu kommen die Reisen an Rennveranstaltungen, Sponsorenanlässe und Technik- und Bildungsmessen. Wer dabei sein will, muss gewisse Opfer bringen und für Autos brennen. Die Stimmung sei dafür aber auch sehr familiär, sagt Edi Nawrocki, Head of Suspension des Bern Racing Team. Als Team verbringe man sehr viel Zeit zusammen, nicht nur in der Autowerkstatt, sondern auch während des Studiums an der Fachhochschule.
Auf den Hundertstelmillimeter genau: Der Radträger des VENTURA wurde additiv gefertigt und anschliessend hochpräzise gefräst.
«OBERFLÄCHENQUALITÄT UND MASSHALTIGKEIT SIND FÜR DIE RADTRÄGER ABSOLUT ENTSCHEIDEND.»
«Das leidenschaftliche Engagement des Teams ist die beste Werbung für diesen Studiengang», sagt Melanie Nellen, Projektleiterin Automobil- und Fahrzeugtechnik an der BFH-TI. «Viele wissen gar nicht, dass man
in der Schweiz Automobiltechnik studieren kann. Umso grösser ist ihre Begeisterung, wenn sie realisieren, dass sie sich im Bern Racing Team einbringen können. Die BFHTI profitiert enorm von dieser Strahlkraft.»
Das Bern Racing Team ist wie ein Unternehmen organisiert. Das Management besteht aus einem CEO, einer CFO und zwei CTOs (Elektrik und Mechanik). 2026 zählt das gesamte Team 78 Mitglieder, unterteilt in technische Verantwortungsbereiche wie Aerodynamik, Chassis, Aufhängung, Elektronik, Powertrain und Bremsen sowie TS-Akkumulator (Batterie und Energiemanagement). Eine kleine Abteilung kümmert sich um Businessplan, Marketing, Public Relations und Social Media.
CEO Alessio Ramelli und seine Mitstreitenden haben vergangenen Sommer einige grundlegende Änderungen eingeführt. Diese betreffen nicht nur das Fahrzeug, sondern auch die Projektorganisation und die Bedingungen für die erfahrenen Teammitglieder. Beispielsweise haben der CEO und die technischen
Hauptverantwortlichen wie Edi Nawrocki neu die Möglichkeit, ihr Studienpensum für ein bis zwei Semester zu reduzieren, damit sie die hohen Anforderungen des Bern Racing Team erfüllen können.
Jedes einzelne Rad wird von einem Elektromotor angetrieben: der fertiggestellte Radträger unverbaut
Mehr als eine Trockenübung
Obwohl das Automobiltechnik-Studium an der BFH-TI stark praxisorientiert ist, zeigt die Mitarbeit im Bern Racing Team die Realität der Produktion noch deutlicher. Hier wird nicht nur konzipiert, visualisiert und konstruiert, sondern auch hergestellt und immer wieder getestet. Durch die Fertigung einer komplexen Baugruppe, wie beispielsweise eines kompletten Fahrzeugs, wird erst klar, ob das ganze Produkt bis in alle Einzelheiten funktioniert.
«Auch die Anforderungen an Organisation und Budgetübersicht sind weit mehr, als wir das sonst in Studierendenprojekten gewohnt sind», sagt Edi Nawrocki, der sich nach der Lehre als Lastwagenmechaniker für das Automobiltechnik-Studium an der BFHTI entschieden hat. Der gebürtige Bündner nutzte als Head of Suspension sein Freisemester, um viel am diesjährigen Fahrzeug VENTURA zu arbeiten.
In der strategischen Planungswoche zu Saisonbeginn 2026 fiel die Entscheidung, das Fahrzeug komplett neu zu denken. «Das bedeutete einen radikalen Kurswechsel», sagt CEO Alessio Ramelli, der als Tessiner bereits in zweiter Generation an der BFH-TI studiert. Sein Vater war während der Ära der erfolgreichen
Solarfahrzeuge Spirit of Biel/Bienne I und II (siehe Box) selbst Student. «Es ging nicht mehr darum, funktionierende Details weiterzuentwickeln», so Ramelli. «Wir wollten grundlegende Aspekte wie beispielsweise die Fahrerposition, Elemente des Chassis und die Aufhängung neu denken.»
Aufgrund der aktuellen Wirtschaftslage wurde es schwieriger, finanzielle Unterstützung durch Sponsoren zu sichern. «Wir mussten erfinderisch werden und haben Sponsoren deshalb vermehrt um Unterstützung durch ihr Know-how und bei der gesamten Fertigung gebeten», sagt Ramelli. «Viele Partner aus der Industrie haben an uns geglaubt. Wir möchten deshalb mit messbaren Erfolgen auch etwas zurückgeben.»
Die Industriepartner sind an der Zusammenarbeit mit dem Bern Racing Team interessiert, weil die Teammitglieder die Entwicklung von technischen Neuerungen im Eiltempo vorantreiben. «Manchmal schlagen Sponsoren sogar Innovationen vor oder liefern Bauteile an das Racing Team, mit der Bitte, diese zu testen und Messdaten zurückzuspielen», sagt Melanie Nellen. Auch die Studierenden profitieren vom BFH-TI-Netzwerk. Der Kontakt zu Industriepartnern und Sponsoren wie Pilatus, DT Swiss, Gleason, métafil oder Blaser Swisslube ist eng und persönlich. «Viele Studierende kommen über diese Kontakte auch zu ihrer ersten Arbeitsstelle nach dem Studium», sagt Nellen.
Auch die Radaufhängung des diesjährigen Fahrzeugs VENTURA ist so entstanden. Edi Nawrocki stiess mit seinem Anliegen, präzise Radträger für die vier einzeln angetriebenen Räder zu fertigen, bei Blaser Swisslube auf offene Ohren. «Die Oberflächenqualität und die Masshaltigkeit sind absolut entscheidend», betont Nawrocki. «Der Radträger muss passgenau sitzen, damit die Kraftübertragung beim Antrieb und beim Bremsen gewährleistet ist und die Pneus optimal auf der Fahrbahn haften.» Die Formula-Student-Rennbahnen seien kurvenreich und eng. Und die Verteilung der Längskräfte durch die vier Motoren auf die jeweiligen Pneus bestimme, wie geschickt man die Kurven fahren könne. «Weil Fräsen eine höhere Genauigkeit ermöglicht als additive Fertigung, war die Expertise von BlaserSwisslube für dieses Teilprojekt essenziell.»
Edi Nawrocki entwickelte die Geometrie des Radträgers und fertigte ein 3D-Modell an, das mit zwei Wärmebehandlungen gehärtet wurde. Mit Markus Schweizer, Polymechaniker und Zerspanungsspezialist bei Blaser Swisslube, entwickelte er dann zwei zusätzliche Teile, die für das Einspannen und Positionieren beim Fräsen notwendig waren. Dank der Inputs von Markus Schweizer konnte der additiv gefertigte Radträger schliesslich auf den Hundertstelmillimeter genau gefräst werden.
«Ich war zur Absprache zweimal bei Blaser Swisslube im Technologiecenter und ab diesem Zeitpunkt oft mit Markus Schweizer in Kontakt», sagt Nawrocki. «Dieser testete das Fräsen erst an einem 3D-Druck aus Kunststoff, um sicherzustellen, dass es beim eigentlichen Radträger nicht zu Kollisionen kam.» Das habe einen grossen Zeit- und Planungsaufwand bedeutet. «Aber das Fahrzeug hat letztlich enorm von diesem Wissen profitiert – und ich auch, denn so etwas lernen wir nicht in der Schule.»
Am 25. Juni 2026 stand im Testcenter in Vauffelin (BE) das Roll-out des neuen Fahrzeugs an. VENTURA drehte zum ersten Mal vor geladenen Sponsoren und Gästen ein paar Runden. In der laufenden Saison zeigt sich
jetzt, ob der technische Richtungswechsel den gewünschten Erfolg bringt.
Der fertiggestellte Radträger im Einsatz.
Zu Ruhm und Ehre kamen die Bielerinnen und Bieler durch die Teilnahme an der World Solar Challenge 1990 in Australien, wo sie die 3000 km lange Strecke zwischen Darwin und Adelaide in etwa 46 Stunden zurücklegten. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 65km/h schlug das Schweizer Team die Favoriten von Honda und der University of Michigan.
