Interview Thorsten Kaletsch Fotos Oliver Oettli

Die Laubscher Präzision AG aus dem schweizerischen Täuffelen ist seit 1846 in Familienbesitz. CEO Raphael Laubscher führt das Unternehmen in sechster Generation. Im Interview spricht er über Präzision und Qualitätsstreben bei der Produktion, über Stabilität und weitere Erfolgsgeheimnisse.
Herr Laubscher, was geht Ihnen beim Stichwort Stabilität durch den Kopf?
Ich denke an die Schweiz, die als sehr stabiles Land gilt. Das bezieht sich auf unser politisches System, aber auch auf die Wirtschaft und die Gesellschaft. Wir verfügen über eine hohe Wettbewerbsfähigkeit, eine relativ geringe Verschuldung und eine robuste Finanzlage. Diese Stabilität macht die Schweiz im internationalen Vergleich attraktiv.
Und wenn Sie an Ihr Unternehmen denken?
Wir gelten in Bezug auf Präzision, Qualität und Liefertreue in der Grossserienfertigung als das Mass der Dinge in unserer Branche. Zudem ist unsere Fluktuation gering, und wir haben viele langjährige und erfahrene Mitarbeitende. Beides hat viel mit Stabilität zu tun.
Wo genau zeigt sich diese Stabilität?
Das beginnt bei betriebswirtschaftlichen Grundsätzen. Die finanzielle Unabhängigkeit und die hohe Eigenfinanzierung sind zentrale Faktoren: Wir leisten uns nur, was wir uns
leisten können. Wer in einer Krise über genügend Eigenmittel verfügt, gerät nicht so schnell in eine Abhängigkeit. Wir sind zudem immer unserer Kernkompetenz treu geblieben: Wir produzieren seit 180 Jahren Uhrenschrauben. Wie heisst es doch: Schuster, bleib bei deinem Leisten!

Die Laubscher Präzision AG ist aber auch bekannt für ihre Innovationen.
Das stimmt, auch das ist ein Faktor, der Stabilität bringt: Es geht um eine Balance zwischen Tradition und Innovation. Wir stellen zwar seit 180 Jahren Uhrenschrauben her – ein vermeintlich einfaches Produkt mit Gewinde, Kopf und Schlitz. Aber über unsere Weiterentwicklungen und Prozessinnovationen in diesem Bereich könnte man Bücher schreiben, allein in den letzten zehn Jahren! Es ist jedoch keine Revolution, sondern eine Evolution, eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Wir übernehmen auch alle nachgelagerten Arbeiten, damit wir die gesamte Wertschöpfungskette bis zum einbaufertigen Teil bei uns im Haus abdecken können.

Firmengründer Samuel Laubscher war ein echter Pionier, der für die Produktion von Uhrenschrauben eigene Maschinen konstruierte. Welche Innovationen sind ihm zu verdanken?
In unserem Museum in Täuffelen steht ein Drehautomat aus der Zeit um 1870. Es ist vermutlich die älteste intakte Maschine dieser Art in der Schweiz. Samuel Laubscher war an ihrer Entwicklung beteiligt, genauso wie auch Jakob Schweizer, ein anderer Erfinder aus der Region, nach dem der Automat dann benannt wurde. Wer welchen Anteil daran hatte, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Sicher ist, dass ab 1876 in den Fabriken von Jakob Schweizer und Samuel Laubscher solche Drehautomaten in Betrieb waren. Der Langdrehautomat, wie er heute noch existiert, hatte seinen Ursprung in unserer Region unter Mitwirkung unseres Firmengründers. Auf Englisch spricht man heute noch von der «Swiss-type turning machine» und und von «Swisstype machining».
Die Firma Laubscher meldete ebenfalls Patente an.
Up until 1892, the slot had to be milled into the heads of the screws manually. One of the founder’s sons then developed a machine that allowed the screws to be manufactured in just one step for the very first time: a slot cutter was integrated into the machine, and a picking arm guided the turned screws to the milling machine. The Laubscher Brothers patented this design in 1892.

“WIR SIND UNSERER KERNKOMPETENZ IMMER TREU GEBLIEBEN.”

Raphael Laubscher, CEO der Laubscher Präzision AG
Wie wichtig ist das Segment der Uhrenindustrie für Ihr Unternehmen?
Immer noch wichtig: Wir beliefern die führenden Schweizer Uhrenmanufakturen – drei davon seit 140 Jahren. Neben den Uhrenschrauben fertigen wir auch weitere Teile wie Federgehäuse oder Stifte und erhöhen unser Fertigungsspektrum laufend, indem wir auch Verzahnungsarbeiten übernehmen. Das ist entscheidend, weil die Stückzahlen im Bereich der Uhrenverkäufe eher rückläufig sind.
Welches sind die weiteren Standbeine der Laubscher Präzision AG?
Mehr als 50 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir in der Medtech- Branche. Hier produzieren wir beispielsweise Teile für Hörhilfen, Inhalationsgeräte oder minimalinvasive Operationen. Dazu kommt das Segment der Industrie, die wir mit komplexen kleinen Dreh- und Frästeilen in grossen Mengen beliefern. Diese drei Segmente verleihen uns Stabilität. Seit meinem operativen Einstieg ins Unternehmen im Jahr 2012 entwickelten sich diese drei Segmente nämlich nur gerade in einem Jahr in die gleiche Richtung – ansonsten scherte immer eines aus: Zwei gingen nach oben, eines nach unten. Oder zwei brachen ein, und eines legte zu. Geografisch gilt Ähnliches: Unsere Hauptmärkte sind die Schweiz, Deutschland und die USA – also drei Wirtschaftsräume mit unterschiedlichen Währungen.
Wie gewährleisten Sie die Prozessstabilität, die für den Erfolg in der Serienfertigung entscheidend ist?
Die Serienfertigung ist in unserer DNA verankert. Das Ziel unseres Unternehmens war es von Anfang an, Fertigungsprozesse zu industrialisieren. Qualität war uns ebenfalls immer wichtig. In den 1980er- Jahren waren wir eines der ersten Industrieunternehmen, die sich nach ISO 9001 zertifizieren liessen. Systematische Prüfpläne und statistische Prozesskontrollen sorgen für zusätzliche Prozessstabilität. Wichtige Erfolgsfaktoren sind auch Lean Management und Shopfloor Management. Das ermöglicht uns ein tägliches Abweichungsmanagement, das dazu beiträgt, die Prozesssicherheit im technischen Sinn zu gewährleisten. Entscheidend für die Stabilität sind aber letztlich unsere erfahrenen, oft langjährigen Mitarbeitenden.
Bleiben wir bei der Prozessstabilität im engsten Sinn: Welches sind die Einflussfaktoren in der Produktion?
Da ist zunächst der Werkstoff mit seinen Toleranzen: Nach einem Chargenwechsel muss das Set-up oft angepasst werden, oder der Werkzeugverschleiss ist viel grösser. Das Werkzeug mit seinen unterschiedlichen Materialien, Formen, Beschichtungen oder Freiwinkeln ist ebenfalls ein Einflussfaktor. Das gilt auch für die Maschine an sich mit ihrer Mechanik. Dazu kommen diverse einstellbare Parameter wie Drehzahl oder Vorschub. Und schliesslich gibt es noch den Kühlschmierstoff, der im Zusammenspiel zwischen Maschinenkonfiguration, Werkzeug und Werkstoff eine zentrale Rolle spielt. Er kühlt und sorgt für eine stabile Temperatur – somit beeinflusst er sämtliche Eigenschaften des Fertigungsprozesses und ist für die Prozessstabilität ein wesentlicher Faktor. Ähnlich wie mit dem perfekten Werkzeug kann man auch mit dem richtigen Kühlschmierstoff sehr viel herausholen.

Im Bereich des Kühlschmierstoffs arbeiten Sie seit drei Generationen
mit Blaser Swisslube zusammen, einem anderen Schweizer Familienunternehmen. Im Technologiecenter von Blaser Swisslube stand kürzlich sogar eine Maschine von Laubscher. Was brachte diese Zusammenarbeit?

Die Idee dieser Entwicklungszusammenarbeit entstand bei einem Nachtessen
mit CEO Marc Blaser. Es ging um einen Auftrag von uns, der über Jahre mit hohem Volumen läuft. Wir richteten die Maschine im Technologiecenter in Hasle-Rüegsau gleich wie bei uns ein, und es wurde eine ganze Reihe von Versuchen und Tests gemacht, die halfen, den Prozess zu optimieren. Wir konnten den Verschleiss beim Absägen des Werkstoffs verringern und gewannen Erkenntnisse zur Beschleunigung der Fertigungsschritte. Theoretisch hätten wir auch eine Schmiermitteloptimierung gefunden – unser Kunde entschied dann aber, den Aufwand der Zulassung nicht auf sich zu nehmen.

Die Stabilität in der Unternehmensführung ist bei der Laubscher Präzision AG aussergewöhnlich. Wie kam es dazu?
Unser Unternehmen befindet sich seit 180 Jahren in Familienbesitz und wurde immer von einem Familienmitglied geführt. Ich bin CEO in sechster Generation, und die siebte Generation der Familie ist auch schon im Unternehmen tätig. Diese Stabilität haben wir einem Konstrukt zu verdanken, das 1919 bei der Gründung der Aktiengesellschaft eingerichtet wurde: Damals wurden die vier Söhne und der Schwiegersohn, der auch Laubscher hiess, zu je 20 Prozent beteiligt – diese Machtaufteilung
wurde in den Statuten verankert. Für Entscheidungen brauchte es also damals immer mindestens drei Aktionäre, heute sogar mehr, weil die Aktien verstückelter sind. Das führte dazu, dass ein einzelner Besitzer nie vom Kapital leben konnte und Gewinne primär ins Unternehmen investiert wurden. Das Unternehmen stand und steht deshalb immer an erster Stelle.
Ihr Unternehmen mit 230 Mitarbeitenden und 450 Maschinen hält dem Standort
Täuffelen am Bielersee seit fast 175 Jahren die Treue. Welches sind die grössten Herausforderungen für eine Produktion in der Schweiz?

Die hohen Kosten zwingen uns dazu, die Wertschöpfung laufend zu optimieren. Das betrifft die Maschinenauslastung, die Stückzeit, die Arbeitsprozesse und viele weitere Kostenfaktoren. Bei der Fertigung kleiner, hochpräziser Teile verfügt die Schweiz aber dank der Uhrenindustrie über eine einzigartige Ausgangslage und Positionierung. Im internationalen Geschäft kann man das nutzen. Der Miniaturisierungstrend im Medtech-Bereich und in anderen Industrien spielt uns in die Karten. Allen technologischen Entwicklungen in anderen Bereichen zum Trotz bin ich überzeugt, dass die Zerspanung als Fertigungsprozess weiterhin ihre Berechtigung hat.
Raphael Laubscher (59) ist seit 2016 CEO der Laubscher Präzision AG. Er verfügt über einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften und einen Bachelor in Engineering. Seit 2003 ist er im Verwaltungsrat, aber erst 2012 stieg er als Projektleiter und CFO ins Unternehmen ein, an dem er auch beteiligt ist.