Dynamik zeichnet den 1,91 m grossen und 120 kg schweren Matthias Aeschbacher aus (hier bei einem Sieg am Innerschweizer Schwingfest

Text Peter Bader Fotos Barbara Loosli

Matthias Aeschbacher ist einer der besten Schweizer Schwinger. Sein Erfolg fusst auf Fleiss und Stabilität. Als einer seiner Sponsoren ermöglicht ihm auch Blaser Swisslube ein Leben als Spitzensportler. Er feierte schon historische Erfolge, trotzdem bleibt ihm ein grosser Traum.

Er war ein Spätzünder, als Jugendlicher hatte er Flausen im Kopf, wie sich sein Schwingkollege Patrick Schenk jüngst in einem Interview an gemeinsame Jugendtrainings erinnerte. In jungen Jahren deutete also noch nichts darauf hin, dass Matthias Aeschbacher einmal einer der besten Schwinger des Landes werden sollte. Damals hatte das Schwingen für ihn schlicht nicht die höchste Priorität, ihm fehlte der Biss. «Ich hatte die gleichen Flausen im Kopf wie viele andere Teenager», erinnert sich der 33-Jährige heute. «Ich konnte mir einfach noch nicht vorstellen, fünf- bis sechsmal pro Woche in den Schwingkeller zu gehen.»

Als 16-Jähriger trat er dann 2008 am Emmentalischen Schwingfest an. «Feste» nennt man Wettkämpfe dieser Kampfsportart, weil dabei immer auch die Tradition der volkstümlichen Schweiz gefeiert wird (siehe Text Seite 29). An jenem Fest kam er nicht einmal in die Nähe eines Kranzgewinns. Der Kranz, ein Kopfschmuck aus Eichenlaub, hat bei den Schwingerinnen und Schwingern eine grosse Bedeutung: An einem Wettkampf erhalten ihn nur die besten 15 bis 18 Prozent der Schwinger in der Schlussrangliste. Das wurmte den jungen Matthias Aeschbacher, zumal Kollegen von ihm einen Kranz mit nach Hause nahmen. Da, erinnert er sich, habe es «klick» gemacht.

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“Fleissig, seriös, konsequent”
Aufgewachsen ist Matthias Aeschbacher auf einem Bauernhof in Heimisbach im Emmental, mit einem jüngeren und zwei älteren Brüdern. Letztere waren Schwinger, und so ergab es sich wie von selbst, dass auch er mit in den Schwingkeller ging. Nicht, dass die Leidenschaft besonders gross gewesen wäre, aber es wäre für die Familie «nicht praktisch» gewesen, hätte man neben Schwingfesten auch noch Fussballspiele besuchen müssen. Aber Matthias Aeschbacher mag die volkstümliche Tradition des Sports bis heute, und er traf beim Schwingen viele Gleichgesinnte. «Bei uns sind alle willkommen, niemand wird ausgegrenzt», betont er.

Nach der Schule absolvierte er eine Lehre zum Maurer und besuchte ein- bis zweimal pro Woche das Training. Aber eben: Bis zu jenem Sonntag im Jahr 2008 und dem verpassten Kranz fehlte der grosse Ehrgeiz. Da sagte er sich: «Was meine Kollegen können, das kann ich auch.»

Er intensivierte das Training und profitierte von idealen körperlichen Voraussetzungen: Heute misst er 1,91 m und wiegt 120 kg. Und an die Stelle der jugendlichen Flausen traten. Eigenschaften, die ihn bis heute erfolgreich machen: «Ich bin fleissig, seriös und konsequent.» Die ersten Erfolge stellten sich schnell ein: Mit 19 Jahren gewann er seinen ersten Kranz, vier Jahre später im Berner Oberland sein erstes Schwingfest.

Matthias Aeschbacher (blaues Hemd) ist einer der besten Schwinger der Schweiz. Hier bei einem Sieg am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Mollis 2025.

KONSTANZ UND STANDFESTIGKEIT – ALSO STABILITÄT IM WÖRTLICHEN SINN – SIND ENTSCHEIDENDE FAKTOREN SEINES ERFOLGES.

So ging es weiter: Bis heute hat er 16 grössere Schwingfeste gewonnen. Als erst 34. Schwinger in der Geschichte des Sports erkämpfte er sich 2025 seinen 100. Kranz. Was ihm noch fehlt, ist ein Sieg an einem nationalen Schwingfest, an dem die besten Schwinger des Landes antreten. So findet zum Beispiel alle drei Jahre das zweitägige Eidgenössische Schwing- und Älplerfest statt, an dem der «Schwingerkönig» ermittelt wird, der begehrteste Titel. An dem war Matthias Aeschbacher schon ganz nah dran, 2022 scheiterte er erst im Schlussgang am nachmaligen König Joel Wicki
Immerhin: An drei solchen Eidgenössischen Schwingfesten gewann er einen Kranz, was ihn zu einem respektierten «Bösen» machte, wie man diese Kranzgewinner nennt.

Das Gefühl des sicheren Sieges
Konstanz und Standfestigkeit – also Stabilität im wörtlichen Sinn – sind entscheidende Faktoren seines Erfolges. Seit 2016 verpasste er nur an drei Schwingfesten den Gewinn eines Kranzes. Was ihm hilft, ist sein robuster Körper und eine stabile Gesundheit: In seiner Karriere musste er bis jetzt insgesamt nur rund zwei Monate wegen Verletzungen pausieren, einen Wettkampf verpasste er noch gar nie. «Es hilft, dass ich nach jeder Saison eine zweimonatige Pause einlege, um mich komplett zu erholen», erklärt Matthias Aeschbacher. Hinzu komme, dass er nicht gefährlich schwinge: «Wenn ich falle, dann falle ich, ich winde mich nicht aus. Und ich verzichte auf Schwünge, bei denen man sich leicht das Knie verdreht. Aber natürlich hatte ich in meiner Karriere auch Glück.

Was er am Wettkampf besonders schätzt: «Wenn ich im Verlauf des Kampfes merke, dass ich ihn gewinnen werde, ist das schon ein cooles Gefühl.» Das kann allerdings hin und wieder auch trügen, so wie im fünften Kampf am Eidgenössischen Schwingfest im August 2025 im Kanton Glarus: «Da dachte ich nach zwei Angriffen: Jetzt habe ich ihn. Im nächsten Moment lag ich im Sägemehl.» So musste er den Traum vom «Königstitel» ein weiteres Mal begraben. Am Ende wurde er Vierter und nahm als Preis eine Solaranlage mit nach Hause. Sie soll auf dem Dach des Eigenheims installiert werden, dessen Bau im Herbst 2026 in Hasle-Rüegsau startet. Von ihrer jetzigen Wohnung hat Familie Aeschbacher einen direkten Blick auf ihr neues Grundstück.

Der Sponsor aus der Nachbarschaft
Matthias Aeschbacher kann vom Schwingen ordentlich leben. Von August bis November ist er zu 100 Prozent als Maurer und Vorarbeiter in jenem Betrieb angestellt, in dem er bereits die Lehre absolviert hat. In der restlichenZeit arbeitet er nur zu 40 Prozent. «Ich bin Halbprofi», sagt er. Dass er das sein kann, hat er zahlreichen Sponsoren zu verdanken, unter anderem dem in seiner Wohngemeinde ansässigen Unternehmen Blaser Swisslube. «Das schafft eine ganz besondere Verbundenheit und Identität.»

Das nächste Eidgenössische Schwingfest findet 2028 in Thun statt. Daran will er teilnehmen. Der Traum vom nationalen Titel lebt. Ohnehin könnte der Name Aeschbacher im Schweizer Schwingen noch länger vertreten sein. Sein fünfjähriger Sohn Nino geht bereits begeistert ins Schwingtraining. «Er hat gute körperliche Voraussetzungen», sagt Matthias Aeschbacher. «Wichtig ist aber vor allem, dass er Freude daran hat. Alles andere liegt noch in weiter Zukunft.» Wer weiss, vielleicht wird aus ihm auch einer, der für Furore sorgt. Er wäre vermutlich nicht einmal ein Spätzünder.

Als einer seiner Sponsoren ermöglicht Blaser Swisslube Matthias Aeschbacher das Leben als Halbprofi

Im Schwingen braucht es Standfestigkeit

Schwingen ist eine Variante des Freistilringens. Diese traditionelle Sportart wird von Männern und Frauen fast ausschliesslich in der Schweiz praktiziert. Ausgetragen werden Zweikämpfe ohne Gewichtsklassen in einem Ring aus Sägemehl. Mit verschiedenen Wurftechniken (Schwüngen) versuchen die Kontrahenten, sich aus dem Gleichgewicht zu bringen und auf den Rücken zu legen. Dabei halten sie sich gegenseitig an einem Ledergürtel und an einer Überhose aus Zwilch fest. Für Siege, Unentschieden und Niederlagen gibt es pro Kampf zwischen 8,5 und 10 Punkte. Die beiden Führenden in der Rangliste bestreiten den Schlussgang, den letzten Kampf des Schwingfestes, und machen den Sieger unter sich aus.

Erinnerungen an Karriere-Highlights

2011
“Keine Zeit zum Feier”
«Am Emmentalischen Schwingfest 2011 gewann ich meinen ersten Kranz. Das Fest fand an einem Sonntag statt, am Montagmorgen begann meine Lehrabschlussprüfung als Maurer. Meinen ersten Erfolg konnte ich also gar nicht richtig feiern.»

2016
“Aus dem Misserfolg viel gelernt”
«Mit neun gewonnenen Kränzen war es für mich ein sehr erfolgreiches Jahr. Deshalb ging ich fest davon aus, an meinem zweiten Eidgenössischen Schwingfest meinen ersten Eidgenössischen Kranz zu gewinnen. Ich verpasste ihn, war bitter enttäuscht. Und lernte: Es braucht noch mehr harte Arbeit für grosse Erfolge.»

2019
“Sehr wichtig für die Akzeptanz”
«Am Eidgenössischen Schwingfest in Zug gewann ich endlich meinen ersten Eidgenössischen Kranz. Für die sportliche Akzeptanz bei den Schwingern ist ein solcher Kranz wichtiger als ein Sieg bei einem kleineren Schwingfest.»

2022
“So konnte ich die Niederlage verarbeiten”
«Am Eidgenössischen Schwingfest in Pratteln stand ich im Schlussgang gegen Joel Wicki und hatte die Möglichkeit, Schwingerkönig zu werden. Weil ich alles gegeben hatte, konnte ich diese Niederlage verarbeiten. Obwohl man als Schwingerkönig finanziell in eine ganz andere Liga aufsteigt.»

Er konnte in seiner Karriere bereits mehr als 100-mal über einen Kranzgewinn jubeln